Rückblick auf die Aktion „Verliebt. Verlobt. Gesegnet“
Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 26. Mai
Wer braucht schon Glanz und Gloria, wenn es auch ein bisschen schlichter geht? Zahlreiche Paare in Hessen sind dem Aufruf der evangelischen Kirche gefolgt und haben sich spontan trauen oder segnen lassen – für viele ein intimer Moment.
Um 17:10 Uhr steht Ferdinand Schmitt an diesem Nachmittag noch im Garten und mäht den Rasen. „Dann bin ich schnell rein und habe mich ruck, zuck umgezogen“, sagt er. Seine Frau Martina nickt zustimmend. „Es musste schnell gehen, wir wollten ja um sechs in der Kirche sein.“ Erst am Donnerstag hatte sich das Paar entschieden, sich nach 40 Jahren Ehe erneut segnen lassen zu wollen. „Wir haben es letzte Woche in der Zeitung gelesen. Vor zwei Tagen flatterte dann noch die Einladung der Kirche zu unserer Rubinhochzeit in unseren Briefkasten.“ Die schickte Martina ihrem Mann in die Firma. Für beide stand fest: „Das machen wir.“
Die kleine Kirche ist für den besonderen Anlass stimmungsvoll mit roten und weißen Herz-Ballons geschmückt. Die Atmosphäre sei einmalig, sagt Ferdinand Schmitt. „Es fühlt sich für uns an wie eine erneute Besiegelung unserer Liebe.“ Vor 40 Jahren wollten sie sich schon einmal in genau dieser Kirche trauen lassen. Der Plan damals ging nicht auf. Die Kapelle wurde zu diesem Zeitpunkt renoviert. Mit deutlicher Verspätung erfüllt sich ihr ursprünglicher Wunsch am Freitagabend doch noch. Familie oder dem Freundeskreis haben sie nicht Bescheid gegeben. „Wir machen das heute nur für uns“, sagt Martina Schmitt.

Foto: Lucas Bäuml
Die Schmitts sind das dritte von insgesamt neun Paaren, das sich an diesem Abend spontan hat segnen lassen. Sie sind dem Aufruf der evangelischen Kirche gefolgt, die mit der Aktion „Einfach heiraten“ deutschlandweit Paaren die Gelegenheit bieten will, ohne aufwendige Planung, Bürokratie und hohe Kosten kirchlich zu heiraten oder sich abermals einen Segen erteilen zu lassen. Allein in Hessen konnten Kurzentschlossene am vergangenen Wochenende an 30 verschiedenen Orten ohne Voranmeldung „Ja“ sagen.
Im Mittelpunkt steht die tiefe Verbindung der Paare
Freie Trauungen nähmen immer mehr zu, kirchliche seien fast schon die Ausnahme, erzählt Prädikantin Elke Lenz. Mit der Aktion wolle man beweisen, dass auch die evangelische Kirche moderne und individuelle Trauungen durchführen könne, so Lenz. Ob in der Kapelle am Frankfurter Flughafen, unter freiem Himmel, am See oder in einem Klosterinnenhof – an 30 verschiedenen Orten konnten sich die Paare an diesem Wochenende trauen. Die Gemeinden kümmerten sich um den Rahmen, stellen vielerorts Live-Musik, Chöre, Fotografen und Sekt zum Anstoßen.
In der kleinen Kapelle in Biebergemünd-Bieber ist es die tiefe Verbindung der Paare, die an diesem Abend im Mittelpunkt steht. Ein bewusster Gegenentwurf zu oftmals aufwendig inszenierten Hochzeiten. Hier geht es nicht um opulente Outfits oder ausgetüftelte Dekokonzepte. Stattdessen wird schlichtweg die Liebe zweier Menschen gefeiert.

Foto: Lucas Bäuml
Die Aktion „Einfach Heiraten“ sei nur der Anfang. „Wir wollen immer mehr alternative Trauungs- und Gottesdienstformate anbieten und auf die Menschen zugehen“, sagt Elke Lenz. Auch sie tauscht im Laufe des Abends ihren schwarzen Talar gegen einen Blazer und empfängt gemeinsam mit ihrem Mann Günter ihre Segenswünsche. Die beiden sind seit zehn Jahren verheiratet. Begleitet werden sie auch ein Jahrzehnt später von ihrer Trauzeugin.
Ein Abend mit neun besonderen Momenten
Auch Klaus und Adriana Walther sind an diesem Abend vorbeigekommen, um ihren Segen auffrischen zu lassen. Er trägt einen weißen Kapuzenpullover, sie einen grauen Mantel. In den Händen hält sie einen kleinen Blumenstrauß. Für 20 Euro habe sie ihn am Eingang erworben, erzählt sie. Eine Floristin aus dem Ort bietet die Brautsträuße für die Spontanen an.
Die Segnung selbst dauert nur wenige Minuten. Pfarrer Matthias Fischer, Prädikantin Elke Lenz und der stellvertretende Kirchenvorstand Martin Logsch wechseln sich ab. Eine echte Trauung gibt es an diesem Abend keine. Die Stimmung ist trotzdem feierlich romantisch. Ein kleiner Chor sowie Organistin Elina Schmotzer begleitet die Zeremonie. Die Sängerin und ihr Mann Michael erhalten im Beisein ihrer Tochter ebenfalls eine Auffrischung ihres Segens. Arm in Arm singen die beiden im Anschluss füreinander. Keines der Paare verlässt die Kirche frühzeitig. Alle warten sie, bis auch das letzte Paar vor den Altar getreten ist. So erleben sie gemeinsam neun besondere Momente – an nur einem Abend.
Den Originalartikel der FAZ von Frau Mona Förder vom 26. Mai finden Sie HIER.




